Fide-Präsident Iljumschinow reklamiert seit heute die absolute Mehrheit der Stimmen beim Kongress in Chanty-Mansijsk für sich. 84 der plötzlich nur noch 167 Verbände hätten sich für seine Wiederwahl ausgesprochen. Allerdings ist die Wahl geheim und noch längst nicht klar, ob alle Delegierten in Chanty-Mansijsk Platz finden werden.
Wohl um ganz sicher zu gehen, war Kirsan Iljumschinow in den letzten Wochen von Land zu Land gereist und hatte die Republick Kalmückien, der er nebenbei auch noch vorsteht, sich selbst überlassen. Ob es dort in der Zwischenzeit zu einem Wirtschaftsaufschwung kam, konnte nicht festgestellt werden.
Juristisch geklärt wird noch die Frage, ob Iljumschinows Nominierung überhaupt rechtskräftig ist. Gegenkandidat Anatoli Karpow bestreitet das und bemühte folgerichtig das Gericht.
Im Zuge das Wahlkampfs erwiesen sich manche Verbände als durchaus heterogen und machten unterschiedliche Aussagen über ihren Favoriten. Russland ist das bekannteste, Zypern das letzte Beispiel hierfür.
Allerdings findet die Wahl ohnehin geheim statt. Die Vergangenheit lehrte auch, dass es durchaus sehr kurzfristige Meinungsumschwünge geben kann. Diesen allerdings dürfte Iljumschinow wohl auf seinen Reisen (finanziell) vorgebeugt haben.
Ob es in Chanty-Mansijsk allerdings überhaupt Kongress und Olympia geben wird, darf noch bezweifelt werden, ist die Infrastruktur doch offenbar noch weitab von den Erfordernissen.
Will man Fide-Präsident Iljumschinow glauben, gehört dieser Verband zu den transparentesten Organisationen dieser Welt. Vielleicht meinte er damit, dass manches Manöver arg durchsichtig ist. Im Wahljahr 2010 geht allerorten mal wieder alles drunter und drüber.
Im offiziellen Kalender der Fide ist die aserische Hauptstadt Baku weiterhin als Austragungsort des Kandidatenturniers 2011 aufgeführt. Kürzlich wurde mit Shakhriyar Mamedyarov auch die Nominierung des Veranstalters verkündet. Schon das erste Turnier der Grand-Prix-Serie war in Baku ausgetragen worden. Die Serie gewann der Armenier Lewon Aronjan, der damit zumindest theoretisch gegen den Sieger des World Cups, Boris Gelfand, um die WM-Kandidatur hätte spielen sollen.
Doch wie man weiß, änderte die Fide mitten im Zyklus dessen Regeln. Da Aronjan ein Antreten im Feindesland nicht zugemutet werden sollte, suchte die Fide von Anfang an einen Co-Veranstalter für Baku. Co-Veranstalter sind bei der Fide sehr beliebt, da sie die 20% „Schutzgeld“ an den Verband zahlen, ohne dafür Spieler nominieren oder ähnliche Privilegien genießen zu dürfen.
Die Fide veröffentlichte heute die offizielle Kandidatenliste für die beim diesjährigen Kongress anstehenden Wahlen. Ebenfalls auf der Liste ist der amtierende Präsident Iljumschinow, dessen Kandidatur sich auf etwas zwielichtige Informationen aus Russland stützt. Dort tobt ein ein Machtkampf im Verband.
Etwas umständlich erklärt die Fide, der russische Verband habe am 28. Juni beschlossen, die im April vom Interimspräsidenten Dworkowitsch im Alleingang vorgenommene Nominierung zu bestätigen. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die von Alexander Bach am 23. Juni versandte Aussage zur Nominierung nicht korrekt sei. Der russische Verband scheint weiterhin völlig zerrissen und de facto wohl nicht handlungsfähig.
Interessant dürfte sein, ob die RCF de jure handlungsfähig ist, ob also die Nominierung also korrekt ist. Die Fide verweist zwar darauf, dass Iljumschinow auch von Argentinien und Mexiko nominiert worden sei, doch müsste Iljumschinow dort geraume Zeit Verbandsmitglied sein, um nominiert werden zu dürfen. Die Fide hat – was natürlich zu erwarten war – die Nominierung durch den russischen Verband nicht in Frage gestellt, sondern offiziell zur Kenntnis genommen. Juristische Zweifel sind aber sicherlich angebracht und entsprechende Nachspiele sind sicher nicht abwegig.
Kirsan Iljumschinow geht wohl auf „Nummer sicher“. Wenige Monate vor der Wahl zum Fide-Präsidenten verteilt der Amtsinhaber großzügig Geschenke. Allein in den letzten knapp zwei Wochen versprach Iljumschinow 1,5 Millionen US-Dollar für neu zu schaffende Turniere. Bei der letzten Wahl soll angeblich jede Stimme nur 5.000 Dollar gekostet haben.
Vor kurzem erst hatte der reisefreudige Kalmücke auf den Philippinen vorbei geschaut und auf dieser Tour das Campomanes Memorial aus der Taufe gehoben. Für das Gedächtnisturnier des früheren Fide-Präsidenten, der wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten zum Rückzug gezwungen und später verurteilt wurde, stellte Iljumschinow 1 Million Dollar aus seinem Privatvermögen zur Verfügung. Die Philippinen, Vietnam, Indonesien, Malaysia, Singapur, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Brunei sollen in den nächsten zehn Jahren hiervon jeweils ein Turnier ausrichten.
Während die Empfänger der jeweils 100.000 Dollar in Südostasien klar definiert sind, ist die Verteilung in Lateinamerika noch nicht ganz klar. Hier versprach Iljumschinow bei seinem Besuch des Capablanca Memorial in Havanna auf fünf Jahre verteilte 500.000 Dollar für zwei neue Turniere, die karibische und die lateinamerikanische Meisterschaft.
Da einige der knapp drei Dutzend afrikanischen Verbände für Karpow stimmen wollen, dürfte es wohl kaum verwundern, sollte Iljumschinow demnächst in Botsuana auftauchen, um dem aufstrebenden Schachkontinent mit seinen sieben Großmeistern ein neues Turnier ans Herz zu legen.
Auch im bisher offiziell fast unentschlossenen Arabien rechnet man sicherlich schon mit dem Präsidenten. Bagdad war schließlich sogar schon einmal für ein WM-Match vorgesehen, Doha hatte einst Interesse am Grand Prix bekundet.
Anatoli Karpow, der angeblich noch viel reichter als sein Kontrahent sein soll, bleibt wohl nichts übrig, als auch schnell seine Schatulle zu öffnen, will er bei der Wahl in Chanty-Mansijsk auch nur den Hauch einer Chance haben. Bessel Koks Anhänger ließen sich vor vier Jahren angeblich schon von 5.000 Dollar Barem umstimmen.
Obwohl die Wahlen erst in einigen Monaten stattfinden, nimmt die Berichterstattung darüber auch in Medien außerhalb des Schachs zunehmend Fahrt auf. So berichtet heute Spiegel Online unter dem Titel „Angriff auf das angebliche Alien-Opfer“ über den Kampf um die Fide-Präsidentschaft. Zwar sieht sich Iljumschinow selbst nicht als Opfer der Außerirdischen, sondern als ihr Gast, wohl aber scheint er schon jetzt als Opfer einer Kampagne zu sehen.
Für viel Wirbel hatte die Sitzung der Russichen Schachföderation gesorgt, in der Karpow unter sehr umstrittenenen Umständen zum russischen Kandidaten auf die Fide-Präsidentschaft gekürt wurde. Verschiede russische Medient hatten darüber ausführlich berichtet.
Präsident Iljumschinow reagierte einmal mehr dünnhäutig und schrieb einen Tag später einen offenen Brief mit durchaus fragwürdigen „Fakten“. Offensichtlich scheint Iljumschinow die Bedrohung seines Amtes diesmal ernst zu nehmen. Dabei hatte er seiner Wahrsagerin zufolge eigentlich zur zwei Amtsperioden als Fide-Präsident vor sich.
Während der Spiegel über die Herkunft von Iljumschinows Vermögen spekuliert, hat sich die Presse noch nicht der Vermögensverhältnisse des Herausforderers angenommen. Vielleicht werden wir hier noch zu lesen bekommen, ob und unter welchen Umständen Anatoli Karpow zum Milliardär wurde. Dann könnte auch darüber spekuliert werden, wer im Zweifel mehr Stimmen kaufen kann.
Vom Interview im russischen Fernsehen, in dem Iljumschinow einmal mehr über seine Entführung spricht, ist übrigens auf YouTube mit deutschen Untertiteln zu sehen.
Auch einen Tag nach der Sitzung des Russischen Verbandes bleibt die Situation unklar. Offensichtlich ist, dass der Verwaltungsrat Anatoli Karpows Kandidatur zum FIDE-Präsidenten unterstützt. Dessen Vorsitzender Arkadi Dworkowitsch bezeichnet die Wahl als ungültig, da er nicht anwesend gewesen sei. Der amtierende Präsident Iljumschinow spricht darüber hinaus von einer drohenden Teilung der Schachwelt.
Russische Medien hatten gestern Abend übereinstimmend berichtet, die Russische Schachföderation (RCF) habe sich in ihrer Sitzung für Anatoli Karpow ausgesprochen. Die Anzahl der Stimmen differierte dabei, Karpow selbst spricht von 17 Stimmen, was in jedem Falle ausreichen würde. Zuvor war noch versucht worden, die Sitzung zu verlegen. (weiterlesen…)