Pat(t)zer@Work

Kramnik verlor nur einmal

Magnus Carlsen ist in aller Munde, selbst außerhalb der Schachwelt. Als jüngster Spieler aller Zeiten erklomm er die Spitze der Weltrangliste – Grund genug, um ihm einen eigenen Jahresrückblick zu widmen. Doch nicht nur Carlsen ist einer der Gewinner des Jahres.

Im Carlsen-Hype geht Wladimir Kramnik ganz zu unrecht ein wenig unter. Nach der Geburt seiner Tochter Ende 2008 nahm sich Kramnik zunächst einmal eine Auszeit, die er aber wohl nicht ausschließlich seiner Familie widmete. Erst im zweiten Halbjahr kehrte Kramnik in die Arena zurück. Sein insgesamt neunter Sieg in Dortmund überraschte kaum, auch, dass er dabei ungeschlagen blieb nicht. Die Dortmunder Schachtage kommen dem Russen und seinem remisträchtigen Spiel eben sehr entgegen. Doch weit gefehlt: Kramnik überraschte die Schachwelt in diesem Jahr mit für ihn ungewohnt offensivem Spiel selbst mit schwarzen Steinen.

In Moskau gewann Kramnik das Tal Memorial, eines der bestbesetzten Turniere aller Zeiten. Dabei ließ er nicht nur sieben Top-Ten-Spieler hinter sich, sondern auch Magnus Carlsen, der allerdings sichtlich krank war. Von seinen drei Turnieren 2009 gewann Wladimir Kramnik zwei. Nur beim London Chess Classic im Dezember musste er mit dem 2. Platz vorlieb nehmen. Hier kassierte Kramnik am 8.12. auch seine einzige Niederlage des Jahres – gegen Magnus Carlsen. Dagegen siegte Kramnik insgesamt neunmal, machte knapp 30 Elo-Punkte gut und qualifizierte sich ganz sportlich für das Kandidatenturnier.

Auch Aronjan war erfolgreich

In besonders beeindruckender Manier gelang die Qualifikation auch Lewon Aronjan, der bei seinen drei Grand-Prix-Starts zweimal allein siegte und einen zweiten Platz einheimste. Schon nach drei Auftritten stand fest, dass Aronjan Sieger des Grand Prix ist. Doch nicht nur den Grand Prix, sondern auch den Grand Slam gewann der Armenier. Beim Masters in Bilbao, wo er für Topalow nachrückte, strich Aronjan ebenfalls den Turniersieg ein. Geradezu historisch ist jedoch sein Sieg bei der Schnellschach-WM in Mainz, wo er den scheinbar unbesiegbaren Viswanathan Anand entthronte.

Auch Aronjan gewann in diesem Jahr rund 30 Elo-Punkte hinzu, obschon sein Jahr nicht nur Höhepunkte hatte. Seinen 27 Siegen standen 12 Niederlagen gegenüber. So gewann er in Linares zwar gegen Anand, Carlsen und Dominguez, verlor aber zweimal gegen Iwantschuk sowie gegen Grischtschuk und Radjabov.

Dass man „Oldies“ nicht abschreiben sollte, bewies in diesem Jahr Boris Gelfand, der fast ebenso fleißig spielte wie Aronjan und sein Jahr mit dem Sieg beim World Cup und damals ebenfalls der Qualifikation zum Kandidatenturnier krönte. Für den 41-jährigen war es der erste Sieg bei einem großen Turnier seit seinem Sieg in Cannes 2002. Ebenfalls stark spielte er im rumänischen Bazna, während er bei anderen Auftritten wie in Biel nicht glänzen konnte. Dessen ungeachtet spielte sich auch Gelfand in der Weltrangliste weit nach vorn.

Unauffällig, aber erfolgreich spielte Vugar Gashimov, der sich inzwischen an Radjabov und Mamedyarov vorbei an die Spitze der aserbaidschanischen Rangliste gespielt hat. In 51 Partien kassierte Gashimov in diesem Jahr nur eine einzige Niederlage beim Karpow-Turnier gegen Motyljow. Allerdings blieb Gashimov den Topturnieren fern. Angesichts seiner aktuellen Weltranglistenposition konnten Einladungen zu den Topturnieren wie 2010 in Linares nicht lange auf sich warten lassen.

Im Schatten der Magnusmanie blieben die anderen Spieler des goldenen 1990er-Jahrgangs. Dabei gelangen sowohl Sergei Karjakin als auch Maxime Vachier-Lagrave ihre ersten großen Turniersiege. Karjakin gewann im Januar das Turnier in Wijk aan Zee, Vachier-Lagrave siegte im Sommer in Biel.

Verlierer von 2009 die potentiellen Sieger von 2010

Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Zu denen müssen wohl auch Alexei Schirow und Wassyl Iwantschuk gezählt werden. Letzterer wollte sogar schon das Profischach an den Nagel hängen, nachdem er gegen Youngster Wesley So verloren hatte. Sowohl Iwantschuk als auch Schirow büßten in diesem Jahr viele Elo-Punkte ein, obwohl sie in Sofia (Schirow) bzw. Dschermuk (Iwantschuk) große Turniere gewannen. Die Karriere beider Offensivspieler ist und bleibt eben von Höhen und Tiefen geprägt. Das gleiche gilt für Alexander Morosewitsch, der vor 1½ Jahren noch kurz die Live-Rangliste anführte, inzwischen aber durchgereicht wurde.

Auch Dmitri Jakowenko war zwischenzeitlich Russlands Nummer 1, verlor aber ebenso deutlich an Boden wie Teimour Radjabov als bisheriger Spitzenspieler Aserbaidschans. Auch Gata Kamsky musste seinen Platz als führender Spieler der USA abgeben und wird inzwischen unter 2700 Elo-Punkten geführt. Diese Schicksale blieben Sergej Movsesjan immerhin erspart, von einem Top-Ten-Platz wie vor einem Jahr ist er aber weit entfernt.

Diesen Platz teilte er sich vor Jahresfrist noch mit Peter Leko. Dieser wiederum fällt mit der Januar-Liste aus der Top-Ten, der er seit Januar 1999 mit einer einzigen Unterbrechung im April 2002 ständig angehörte. Wesselin Topalow ist erstmals seit Juli 2008 nicht mehr auf Platz 1 der Rangliste. Angesichts seiner immer noch ausgezeichneten 2805 Punkte dürfte er damit aber leben können.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 20. Dezember 2009 um 23:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Jahresrückblick abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

Keine Kommentare »

Es gibt noch keine Kommentare.

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

 

© caissa – Powered by WordPress – Design: Vlad (aka Perun) – Du bist der . caissa-Besucher.Counter